Mentoring für neue Bibliotheksleitungen

Mentoring für neue Bibliotheksleitungen Nach drei Jahren endet das Mentoring-Programm des Büchereiservice des ÖGB.

Eine erste Bilanz

Eine öffentliche Bibliothek zu leiten, bedeutet weit mehr, als Medien auszuwählen, Veranstaltungen zu organisieren oder den laufenden Betrieb sicherzustellen. Im Rahmen eines dreijährigen Mentoring-Programms wurden fünf neu ernannte Bibliotheksleiter:innen in Niederösterreich, Oberösterreich und Tirol bei ihrer Arbeit unterstützt. Ein Rückblick von Gerald Wödl.

 

Bibliotheksleiter:innen tragen Verantwortung für Teams, Budgets, Kooperationen, strategische Entscheidungen und für den reibungslosen Betrieb ihrer Bibliothek. Wer diese Aufgabe neu übernimmt, muss deshalb in kurzer Zeit in eine anspruchsvolle und facettenreiche Rolle hineinwachsen. Um neu ernannte Bibliotheksleiter:innen dabei zu unterstützen, startete das Büchereiservice des ÖGB im Jahr 2023 ein Mentoring-Angebot, das ich als Mentor begleiten durfte. Nach drei Jahren und dem Ende meiner Tätigkeit für dieses Programm ist es Zeit für eine vorläufige Bilanz: Was hat sich bewährt? Welche Themen beschäftigen neue Leitungskräfte besonders? Und welchen Beitrag kann Mentoring zur Weiterentwicklung einer öffentlichen Bibliothek leisten?

Erfahrungswissen, das im Alltag weiterhilft

Mentoring beruht auf einer persönlichen und vertrauensvollen Arbeitsbeziehung. Eine Person mit möglichst großer Vorerfahrung stellt dabei ihr Wissen, ihre Kenntnisse verschiedener Aspekte der Bücherei- und Bibliotheksszene und ihre Zeit zur Verfügung, um eine neu ernannte Leitungskraft über maximal ein halbes Jahr lang zu begleiten. In unserem Fall erfolgte diese Begleitung ausschließlich virtuell im Rahmen von jeweils ca. 90-minütigen MS-Teams-Sessions. Ausgangspunkt einer jeden einzelnen Session waren aktuell aufgetauchte konkrete Fragen und Herausforderungen der Mentees. Und wurde einmal wirklich nichts Aktuelles eingebracht, dann haben wir auf ein einfaches Modell der "Stakeholder einer Bibliothek" zurückgegriffen, das uns als konzeptiver roter Faden durch den Gesamtprozess begleiten konnte. Bibliotheksleiter:innen bewegen sich ja in einem Netzwerk aus Nutzer:innen, Mitarbeiter:innen, Trägerorganisation(en), Schulen, Kulturinitiativen und weiteren lokalen Partner:innen. Hier die Interessen der einzelnen Akteure zu kennen, deren Unterschiede zu verstehen und gekonnt auszutarieren, ist ein wichtiger Teil der Leitungsaufgabe.

 

Sicherer in der neuen Leitungsrolle

Der Wechsel von der Mitarbeiter:innen-Rolle in eine Leitungsfunktion verändert den Blick auf die eigene Arbeit und das Team meist grundlegend. Übernimmt man eine solche Funktion gar von außen kommend neu, stellen sich oft auch zusätzliche, ganz persönliche Herausforderungen. Die Gespräche in den Sessions sollten daher auch dabei unterstützen, die eigene Position klarer zu bestimmen und mehr Sicherheit im Auftreten gegenüber den Stakeholdern der eigenen Einrichtung zu gewinnen. Weiters sollte ein Beitrag dazu geleistet werden, dass die Mentees einen Führungsstil entwickeln können, der zu ihrer Persönlichkeit, ihrem Team und ihrer Bibliothek passt.

 

Konkrete Lösungen für konkrete Probleme

Gemeinsam wurden auch viele praktische Themen der Alltagsarbeit besprochen, Handlungsmöglichkeiten in herausfordernden Situationen skizziert und anstehende Entscheidungen kritisch hinterfragt. Dazu gehörten beispielsweise schwierige Gespräche mit Mitarbeiter:innen, die Aufgabenverteilung im Team, Bestandsfragen oder die Kommunikation mit Trägerorganisationen und anderen wichtigen Ansprechpartner:innen. Auch Fragen zur praktischen Organisation des Bibliotheksbetriebs und zu angedachten Veränderungsprojekten wurden bearbeitet. Als Mentor brachte ich dabei mein Erfahrungswissen ein, stellte Fragen und half, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Auf diese Weise konnten oft Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden, die unmittelbar im Arbeitsalltag anwendbar waren.

 

Bibliotheken aktiv weiterentwickeln

Eine neu übernommene Bibliothek einfach unverändert weiterzuführen, ist häufig keine erwünschte Option. Als neue Bibliotheksleiter:in bringt man ja meist gewisse Vorstellungen mit, was sich in der übernommenen Einrichtung ändern soll und/oder sogar muss. Dementsprechend beschäftigten wir uns auch mit strategischen und operativen Entwicklungsfragen: Wo steht die Bibliothek derzeit? Welche Zielgruppen sollen künftig stärker angesprochen werden? Welche Angebote sind besonders wichtig? Wo sind Veränderungen notwendig und wie können diese umgesetzt werden? Das Mentoring unterstützte die Leitungskräfte dabei, Ideen zu entwickeln und zu strukturieren, Prioritäten festzulegen und nächste Schritte zu planen. Zugleich bot es die Möglichkeit, schon fixierte Vorhaben kritisch zu hinterfragen und deren Erfolgschancen realistisch einzuschätzen.

 

Teams führen und Zusammenarbeit gestalten

Bibliotheken leben vom Engagement der Menschen, die in ihnen arbeiten. Viele öffentliche Bibliotheken werden von kleinen Teams getragen, in denen hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter:innen zusammenarbeiten. Für Leitungskräfte bedeutet das, unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und zeitliche Möglichkeiten zu berücksichtigen. Die erfolgreiche Leitung eines Teams war daher eines der zentralen Themen in unseren Sessions. Besprochen wurden unter anderem Fragen der Motivation, Kommunikation, Verantwortungsverteilung und Konfliktbearbeitung. Mit Unterlagen zur Führung von jährlichen Mitarbeiter:innen-Gesprächen haben die Teilnehmer:innen ein wirkungsvolles Instrument zur Bearbeitung dieser Fragen erhalten. Eine wichtige Erkenntnis lautet: Gute Leitung bedeutet nicht, alle Aufgaben selbst zu übernehmen. Sie bedeutet, Orientierung zu geben, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und die Fähigkeiten der Teammitglieder sinnvoll einzusetzen. Auch hier half das Mentoring, konkrete Situationen zu reflektieren und die eigene Wirkung als Leitungsperson besser einzuschätzen.

 

Lernen durch Austausch

Neben der Lösung konkreter Aufgabenstellungen entwickelte sich das Mentoring auch zu einer Form des fachlichen Austauschs. Die Mentees erhielten zu von ihnen eingebrachten Fragestellungen Einblicke in Erfahrungen anderer Büchereien und Bibliotheken mit dem Thema und es wurde von mir als Mentor berichtet, was dort besser und weniger gut funktioniert hat. Zugleich wurde deutlich, dass viele neu ernannte Bibliotheksleiter:innen vor vergleichbaren Herausforderungen stehen. Diese Erkenntnis kann sehr entlasten. Und manche der immer wieder auftretenden Schwierigkeiten sind überhaupt in den Rahmenbedingungen des Bibliothekswesens in Österreich vorprogrammiert.

 

Meine Bilanz nach drei Jahren

Die Erfahrungen der vergangenen drei Jahre bestätigen den Grundgedanken des Angebots: Neu ernannte Bibliotheksleiter:innen profitieren von einer individuellen Begleitung beim Einstieg in ihre Funktion. Aus den Rückmeldungen der Mentees in strukturierten Abschlussgesprächen und meiner eigenen Wahrnehmung kann ich folgern, dass das Programm dazu beigetragen hat,

  • mehr Sicherheit in der neuen Leitungsrolle zu entwickeln,
  • konkrete Probleme aus dem Bibliotheksalltag zu bearbeiten,
  • Veränderungs- und Entwicklungsprozesse anzustoßen,
  • Teams bewusster zu führen und
  • das Bewusstsein für einen notwendigen Austausch und die Vernetzung mit Kolleg:innen anderer Einrichtungen zu stärken.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass Mentoring keine fertigen Lösungen liefert. Die Verantwortung für Entscheidungen und geplante Veränderungen bleibt allein bei den Mentees. Voraussetzung für einen erfolgreichen Prozess sind daher Offenheit, Eigeninitiative und die Bereitschaft, das eigene Handeln kritisch zu reflektieren. Die Leitung einer Bibliothek ist eine verantwortungsvolle und vielseitige Aufgabe. Gerade in den ersten Monaten und Jahren können daher Austausch, Orientierung und eine erfahrene Außenperspektive eine wichtige und willkommene Unterstützung sein. Nach drei Jahren beende ich nun meine Tätigkeit als Mentor beim Büchereiservice des ÖGB. Es war mir eine große Freude, in dieser Zeit kreativen und engagierten Bibliotheksleiter:innen zu begegnen und dabei selbst so viel Neues dazuzulernen.

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